Histaminintoleranz – alles nur Einbildung?

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Die Symptome
Sie sind derart vielfältig, dass einem schon hiervon schwindlig werden könnte (was übrigens auch dazu führt, dass sie ärztlicherseits oft nicht wirklich ernst genommen bzw. falsch interpretiert werden). Es gibt kaum ein Organ, das nicht betroffen sein könnte. Ich werde die Symptome deshalb hier nicht alle aufzählen. Einen guten Überblick vermitteln dir aber die Extra-Beiträge „Fallbeispiele“ und „Fragentest“.

Lost illness Histaminintoleranz
Für die Diagnose Lactoseintoleranz und Fructosemalabsorption und auch für weitere Malabsorptionen gibt es Atemteste, anhand derer die Diagnose in der Regel festgemacht werden kann. Für die Histaminintoleranz gibt es so etwas nicht. Es ist eher sogar so, dass die Existenz der Histaminintoleranz ignoriert, belächelt, als Befindlichkeitsstörung abgetan oder völlig in Frage gestellt wird.
So wird man den Menschen mit diesem Leiden und dem entsprechenden Leidensdruck nicht gerecht. Auch ist eine Histaminintoleranz nicht unbedingt harmlos. Ich kenne da das ein oder andere Beispiel.

Die Ursachen
Mastzellaktivierungssyndrom (MCAS)
Sind die weißen Blutkörperchen die Polizei des Körpers, die gegen Bakterien und Viren kämpfen, dann sind die Mastzellen das SEK des Körpers, ausgerüstet mit Miniwaffen (histaminhaltigen Granula = Körnchen) zur Abwehr von Allergenen. Gelangen bestimmte Botenstoffe (z. B. enthalten in Tomaten, Spinat, Schokolade und vielen anderen Lebensmitteln) in den Körper, dann schütten die Mastzellen, die in besonders hoher Zahl in der Schleimhaut des Darmes ruhen, explosionsartig Histamin aus. Das macht krank.
Hereditäre Alpha 1-Tryptasämie (HAT)
Mastzellen beinhalten neben Histamin eine große Zahl weiterer Botenstoffe, so unter anderem das Enzym Tryptase. Liegt dieses Enzym aufgrund einer genetisch bedingten Mehrfachanlage des zuständigen Gens in höherer Konzentration vor als normal, dann führt dies zu Symptomen ähnlich denen einer Histaminintoleranz. Auch sind Überschneidungen der Erscheinungsform mit MCAS oder SM möglich.
Systemische Mastozytose (SM)
Die Mastzellen befinden sich bei dieser Erkrankung nicht mehr nur an ihren angestammten Plätzen (wie z. B. Knochenmark, Lymphknoten), sondern sie sind wie eine Streifenpolizei im Körper unterwegs und sie deln sich in bzw. an Organen ab. Erhalten sie an diesen Orten Kontakt mit bestimmten Botenstoffen aus Lebensmitteln, dann treten organspezifische Symptome auf, wie beispielsweise Asthma.
Sowohl das MCAS als auch die Systemische Mastozytose profitieren von Antihistaminika, die eine streng histaminarme Ernährung ergänzen. Für die Diagnose beider Erkrankungen ist die Vorstellung in einer Spezialabteilung (Unikliniken) erforderlich.
Glutensensitivität
Mittlerweile ist ihre Existenz anerkannt. Im Gegensatz zur Zöliakie handelt es sich nicht um eine Autoimmunerkrankung, sondern um eine Überempfindlichkeit gegenüber glutenhaltigen Getreiden, die zu ähnlich mannigfaltigen Symptomen wie bei der Histaminintoleranz führt. Die Glutensenstitivität stellt also keine Ursache einer Histaminintoleranz dar; sie muss aber von ihr abgegrenzt werden.

Literatur zum Thema
Wer sich näher für das schwierige Thema der histaminergen Erkrankungen interessiert, wird hier fündig:
Schweizerische Interessengemeinschaft für Histaminintoleranz (SIGHI)
Biogene Amine – Ernährung bei Histaminintoleranz (Andreas Steneberg 2007)
Histaminintoleranz – zwischen Mythen und Fakten (Schmidt-Grendelmeier et al 2020)
Histaminintoleranz (HIT) – ein Krankheitsbild, das es gar nicht gibt? (Andreas Steneberg 2021)
EHRS-Webinar: Histaminarme Diäten: Fakten und Kontroversen (2021 / 2022)

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